FAQ: Ashtanga Yoga üben

Ashtanga Yoga ist eine Methode der Selbsterfahrung

Seit fast 20 Jahre übe ich Ashtanga Yoga. in diesem Artikel erzähle ich, warum ich diese Yogaform persönlich so sehr schätze und beschreibe meine Erfahrung beim Ausführen der Yogasequenz.

„Yoga“ ist das entspannte Wellnessprogramm auf der DVD, die als Beilage eines Lifestyle-Magazins zu Ihnen ins Haus kommt. Eine angenehm klingende Stimme leitet hier die sanften Dehnungsübungen an. Oder denken Sie eher an entrückte Gesichter von asketischen Menschen, die
jahrelang in sehr unbequemen Posen verharren? Yoga ist auch eine sehr direkte und klare Methode der Selbsterfahrung. Ich möchte Sie einladen, mit mir Ashtanga Yoga zu üben, das Sie in Freundschaft mit Ihrem Körper auf den Weg nach innen führen kann.

Lassen Sie Ihre Wollsocken bitte zu Hause, denn Sie werden schwitzen.

Ashtanga Yoga ist ein kraftvolles Yoga, das für Körper und Geist gleichermaßen herausfordernd ist, eine Meditation in Bewegung. Die Übungsmethode verbindet eine anspruchsvolle, schweißtreibende Bewegungsfolge mit einer speziellen Atemtechnik und der Konzentration auf bestimmte Blick- und Energiepunkte. Traditionell wird Ashtanga Yoga
selbständig und vollkommen auf sich selbst konzentriert geübt. Diese Methode hat Pattabhi Jois von seinem Lehrer Sri T. Krishnamacharya erlernt und seit 1927 bis zu seinem Tod Anfang dieses Jahres fast unverändert unterrichtet. Pattabhi Jois gründete in der indischen Stadt Mysore das „Ashtanga Yoga Research Institute“, das seit den 70er Jahren
zunehmend von Yogaübenden aus dem Westen besucht wird. Die langsam fließenden, fast akrobatischen Bewegungen faszinieren viele dadurch, daß sie leicht und mühelos wirken. Zusammengesetzt aus Körperhaltungen (Asana) des Hatha Yoga fördert Ashtanga Yoga Kraft und Beweglichkeit gleichermaßen und wirkt auf der physischen Ebenegesundheitsfördernd. Dennoch kann es mehr als ein elegantes Workout mit positiven Nebeneffekten sein: Ashtanga Yoga führte mich zu sehr persönlichen Begegnungen mit mir selbst.

Ich übe seit vielen Jahren, lerne mich und meinen Körper dadurch ständig besser kennen und alle Veränderungen aufrichtig anzunehmen.

Ich rolle meine Yogamatte aus, schließe die Augen und singe im Stehen ein kurzes Mantra. Dann beginne ich mit der Ujjai-Atmung, lasse die Luft langsam durch den Kehlkopf rauschen und lenke die Atembewegung in den Brustkorb. Mit dem nächsten langen Einatmen führe ich die ausgestreckten Arme über dem Kopf zusammen und richte meinen Blick
auf die Daumen. Beim Ausatmen beuge mich nach vorne, bringe die Stirn an meine Beine, meine Handfläche auf den Boden und schaue zu meiner Nasenspitze. Dabei wird mir völlig klar, wie ich mich in diesem Augenblick fühle – gutgelaunt, unruhig, müde, energiegeladen oder mit den Gedanken noch woanders? So beginnen die Sonnengrüßen (Surya Namaskar), als Reise nach Innen. Ich genieße jede Folge kraftvoller Vor- und Rückbeugen, den Kontakt mit dem Boden bei den leichten Sprünge auf Hände und Füße, ich tanze mit dem ganzen Körper auf meinem rauschenden Atem. Mein Atem trägt mich anschließend in die verschiedenen Asanas im Stehen und Sitzen, zwischen denen ich immer wieder durch dieselbe dynamischen Sequenz des Sonnengrußes gleite. Jedem ruhigen Atemzug entspricht eine Bewegung in einem festgelegtem Ablauf, nur die Asanas halte ich fünf Atemzüge. Sie sind wie kleine stille Inseln im Bewegungsfluss.

Übe ich nicht zu schnell oder zu langsam, ermüdet mich die körperliche Anstrengung nicht.

Das Rauschen der verlangsamten Ujjai-Atmung hilft mir, an meinem Atem das richtige Maß zu erkennen und eine Balance zwischen Anstrengung und Entspannung zu finden. Um mich nicht von meiner Umgebung ablenken zu lassen, fixiere ich meinen Blick auf bestimmte Blickpunkte (Drishti): auf meine Daumen, Zehen oder die Nasenspitze. Mithilfe der Drishti gelingt es mir, meine Wahrnehmung nach innen zu richten.
Einige Asanas sind allerdings sehr schwierige Haltungen, die ich nur einnehmen kann, wenn ich mich völlig auf meinen Körper konzentriere und innerlich ruhig bleibe.

Meine Kondition, Koordination, Muskelkraft und Beweglichkeit sind untrennbar mit meinen Gedanken und Gefühlen verbunden.

Das Üben dieser schwierigen Asanas wird zur Herausforderung, zu einer fast schmerzvoll ehrlichen Wahrnehmung meiner Innenwelt: Unaufmerksamkeit, plötzliche Gedanken und Gefühlsschwankungen werfen mich aus der Balance, Erinnerungen tauchen plötzlich auf und lenken mich ab, und ständig höre ich den lärmenden Kommentar meiner inneren Stimme. Dann hustet jemand neben mir auch noch laut. Zusätzlich ärgere ich mich jetzt darüber, daß ich mich nicht konzentrieren kann. Ich nehme mir fest vor, mit mir, meinen Gedanken und dem hustenden Menschen neben mir nachsichtiger umzugehen. Mit langen, weichen Atemzügen gelingt es mir, das Geplapper meiner Gedanken nicht mehr so ernst zu nehmen. Daraufhin werden die Gedanken etwas leiser, ich höre sie nur noch entfernt wie Stimmen aus einem Nebenraum. Und manchmal achte ich für kurze Zeit überhaupt nicht mehr darauf, was sie sagen. Dann breitet sich in mir eine klare Stille aus und ich spüre eine reine Freude.

Es fliesst mit dem Atem Energie durch meinen Körper, die mich in vollkommener Ruhe durch die Bewegungen trägt.

Diese Energie formt sich zu meiner Stabilität, Kraft, Beweglichkeit und ich erlebe den völligen Einklang mit meinem Körper, mit mir selbst.
Zum Schluss lege ich mich einige Minuten regungslos auf die Yogamatte, schließe die Augen und falle tief in die abschließende Entspannung. Dann rolle meine Matte wieder zusammen und nehme die Energie und die Erinnerung an die wundervolle Stille in mir mit in den Tag.